Interview mit dem Bremer Landesrabbiner Benyamin Barslai .

 

August 2000, Weser Report "Müssen mehr aufklären" Von Annettte Kemp Seit 1985 ist Prof.Dr. Benyamin Barslai Landesrabbiner von Bremen. Nebenbei gibt der 77-jährige Vorlesungen an der Universität undengagiert sich in derjüdisch-christlichen Arbeitsgemeinschaft. Im Interview mit dem WESER REPORT äußert er sich zu den aktuellen Themen Rechtsradikalismus und der Ehe für Homosexuelle WESER REPORT:

Wie groß ist die jüdische Gemeinde im Land Bremen und wie hat sich das Zahlenverhältnis im Gegensatz zu früher verändert?

Prof. Barslai: Momentan haben wir in Bremen um die 1.000 Mitglieder, das variiert von Jahr zu Jahr. In Bremerhaven sind es lediglich 30. Im Vergleich dazu lebten in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ungefähr 2.000 Juden in der Hansestadt.


WESER REPORT: Hat sich die Gemeinde durch den Zuzug von Aussiedlern vergrößert?


Prof. Barslai: Sogar in einem überwaltigenden Maße. Als ich 1985 Landesrabbiner wurde, waren etwa 185 Mitglieder in einer stark überalterten Gemeinde eingeschrieben. Kinder gab es fats gar nicht. Das lag daran,dass nach dem Krieg nur wenige Juden zurück nach Bremen kamen. Einer der wenigen war Karl Katz, der Gründer der neuen jüdischen Gemeinde. Das Bild änderte sich erst, als in den 90er Jahren die Aussielder aus der Sowjetunion kamen. Die Gemeinde vergrößert sich seitdem ständig.

WESER REPORT: Wie wirkte sich diese Situation auf das Alltagsleben aus?

Prof. Barslai: Es gab viele Schwierigkeiten, weil die russischen Juden ihren Glauben nicht kannten, sondern nur durch eine Eintragung in ihrer Geburtsurkunde wusstem, dass sie dieser Religion angehören. Das Ausüben des Judentums, wie das Lesen hebräischer Schriften, das Heiraten oder die Beschneidung waren im Kommunismus verboten.Dadurch hatten die Menschen keinen Kontakt zu der Religion. Ungefähr 100 nehmen aber jetzt zum Beginn des Schabbats, Freitagabends, am Gottesdienst teil.

WESER REPORT: Der Zentralrat der Juden hat sich besorgt über die rechtsextremistische Übergriffe geäußert. Wie stellt sich die Situation in Bremen dar?

Prof. Barslai: Seit ich hier lebe, gibt es eigentlich keine Probleme. Der Friedhof wurde einige Male heimgesucht-das ist schon aber einige Zeit her. Außerdem sind unsere Ordnungshüter immer zugegen. Zu jedem Gottesdienst steht ein Polizeiwagen vor der Synagogentür, das ist in Deutschland aber auch In England nicht unüblich. Bremen ist aber insgesamt sehr ruhig.

WESER REPORT: Spielt die Diskussion zum Verbot der NPD eine Rolle?

Prof. Barslai: Natürlich spielt es eine Rolle. Ich habe als Kind das Aufkommen der NAzis miterlebt. Unsere Familie mußte flüchten. Deshalb weiß ich, dass man rechte Bestrebungen im Keim ersticken muß.Dies kann aber nicht durch Verbot, sondern nur durch Erziehung erreicht werden. In der Schule bahauptete mal einer der Schüler, Juden würden kleine Kinder schlachten. Der Lehrer sagte nichts dazu. So etwas darf nicht passieren. Wir müssen mehr diskutieren und aufklären. Es bringt nichts,sogenannte Rechtsradikale gesellschaftlich auszugrenzen.Im Gegenteil, man muß mit ihnen reden.

WESER REPORT: Was halten Sie von dem jüdischen Mahnmal in Berlin?

Prof. Barslai: Ich halte überhaupt nicht viel von Mahnmalen. Besser ist es, einen Dialog zu führen und Aufklärung zu betreiben.Ich bin einer der Vorsitzenden der jüdischen-christlichen Arbeitsgemeinschaft, mit katholischen, evangelischen und jüdischen Mitgliedern. Diese Arbeit bringt wesentlich mehr.

WESER REPORT: Wie denken Sie über die Eheh für Homosexuelle?

Prof. Barslai: Ich denke, das ist eine Privatsache.Wenn Schwule zusammen sein wollen, sollen sie. Das darf man aber nicht Ehe nennen. Die Gründung einer Familie mit Kindern gehört für mich zur Ehe dazu. Natürlich auch der Sex, der zwei Menschen vereinigt, wobei auch gleichgeschlechliche Partner absolut gleichgestellt werde, denn ob jemand die oder die Veranlagung hat, ist letzlich egal. Dis Hauptsache ist, sie ist glücklich dabei. Wenn man gläubig ist, dann muss man alles akzeptieren, was auf der Welt passiert.

WESER REPORT: Sie sind da wesentlich weiter als mancher Ihrer christlicher Kollegen?

Prof. Barslai: Ich bin ein Realist, was vor allem bei meinen Studenten ankommt. Insbesondere die christlichen Hochschüler kommen zu mir, weil die Pfarrer ihnen zu viel von Gott reden.