Strychnin

Strychnin
Strychnin ist der wirksame (giftige) Hauptbestandteil im Samen des Brechnußbaumes. Der Einsatz als anregendes Medikament gilt heute nicht zuletzt auf Grund der geringen therapeutischen Breite (Spanne zwischen effektiver/therapeutischer und toxischer/letalen Dosis) als obsolet. In Verschnitten illegalisierter psychoaktiver Substanzen wie Heroin oder Kokain taucht es als hochproblematische Verunreinigung auf. Mittlerweile wurde auch in einigen unter dem Etikett "Ecstasy" kursierenden Tablette Strychnin nachgewiesen. Jegliche Strychnin-Einnahme gilt nach Auffassung von Toxikologen und Notfallmedizinern als dringend behandlungsbedürftig. Bei Verdacht auf eine Strychninvergiftung ist unverzüglich ein Notarzt zu rufen.

Der Brechnußbaum
Strychnin ist ein Indolalkaloid im Samen (sowie Blättern und Rinde) des Brechnußbaumes Strychnos nux vomica, einem Loraniagewächs (Loganiaceae). Andere Pflanzenarten aus der Gattung Strychnos dienen der Gewinnung von Curare Pfeilgiften. Der Brechnußbaum ist in den trockenen Wäldern von Indien, Sri Lanka , Südostasien und Nordaustralien heimisch, er wird zudem im tropischen Afrika kultiviert. Es handelt sich um einen strauchartigen ausladenden Baum, der bis zu 10 m hoch werden kann. Seine Blätter sind oval, glatt und glänzend. Der Baum wächst auf sandigen Böden, und benötigt ein tropisches aber trocken heißes Klima.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage, 1998)

Die Droge und ihre Inhaltsstoffe
Als Droge im eigentlich pharmazeutischen Sinne versteht der Apotheker (arzneilich verwendete) getrocknete Pflanzenteile wie z.B. Pfefferminzblätter, Löwenzahnwurzel oder Hanfblüten. Die Droge die im wesentlichen aus dem Brechnußbaum gewonnen wird, ist der getrocknete Samen, der auch als "Brechnuß" bezeichnet wird. Die Bezeichnung Brechnuß für die Droge ist irreführend, da sie weder brechenerregend wirkt, noch handelt es sich bei dem Samen um eine Nußfrucht. Der Alkaloidgehalt des getrockneten Samens liegt bei 2-3 %. Das Hauptalkaloid ist neben Strychnin (1-1,5%) Brucin (1,1-2,1%). Nebenalkaloide sind Colubrin, Pseudostrychnin, Vomicin und Strychnicin. Wirksam (giftig) sind vor allem Strychnin, Brucin besitzt 1/50 der Wirksamkeit von Strychnin am Glycinrezeptor.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage, 1998)

Strychnin - Wirkungen
Wirkungsmechanismus am Wirkort Rückenmark Strychnin ist ein "Krampfgift" (Konvulsivum), der Wirkort ist das Rückenmark. Strychnin verdrängt den Neurotransmitter Glycin von seinem Rezeptor ohne dessen Wirkung auszulösen, es ist ein Glycin-Antagonist. Glycin ist der Neurotransmitter der sogenannte postsynaptischen Hemmung bestimmter Nervenbahnen im Rückenmark. Die Lähmung der hemmenden Glycin-Synapsen bewirkt eine verstärkte Reizleitung der die Muskulatur steuernden Nervenbahnen. Dadurch können Beuge- und Streckmuskel an einem Gelenk gleichzeitig maximal zur Kontraktion gebracht werden. Die dadurch verursachten Krämpfe laufen bei vollem Bewußtsein ab. Sie sind wegen der Zerrungen von Sehnen und Gelenkkapseln äußerst schmerzhaft. Es besteht die Gefahr eines Muskel- oder Sehnenrisses. Krampfphasen von ca. 1 min Dauer wechseln mit mehrminütigen Pausen ab. Die Krämpfe werden durch akustische, optische und taktile Reize (von Außen) ausgelöst und verstärkt.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und Toxikologie, 5. Auflage, 1987; Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)

psychotrope Wirkungen der Brechnußsamen:

(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage, 1998; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997)

Medizinische Anwendung

Schulmedizin
Strychnin wurde therapeutisch als Atmungs- und Kreislaufanaleptikum (anregendes Mittel) bei bestimmten Formen von Kreislaufversagen (zentral-bedingtem Vasomotorenkollaps) und als Tonikum (Kräftigungsmittel) bzw. Roborans (Stärkungsmittel) verwendet. Der Markenname eines Fertigarzneimittels das Strychnin-Hydrochlorid enthielt war "Movellan". Strychninhaltige Arzneimittel gelten heute als obsolet. Strychnin-Drogen wurden von der Kommission E (Phytotherapeutische Therapierichtungen) des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte negativ bewertet. Strychnin steht unter den Stimmulanzien auf der Liste der verbotene Dopingsubstanzen, vorallem Gewichtheber dop(t)en sich mit Strychnin.
(Hildebert Wagner: Pharmazeutische Biologie 2, Drogen und ihre Inhaltsstoffe, 3. Auflage, 1985; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 255. Auflage, 1986; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997; Hunnius: Pharmazeutisches Wörterbuch, 8. Auflage, 1998)

Homöopathie
Brechnußsamen wird in gängigen homöopathischen Arzneimitteln in sehr großen Verdünnungen eingesetzt. Verdünnungen bis zur dritten Dezimalpotenz (D3) einer definierten Urtinktur (wie auch die Samen) sind "verschreibungspflichtig", höhere Potenzen sind "apothekenpflichtig". Auszug aus einer Apotheken-Kundenzeitung : Die homöopathischen Hauptwirkungen von Nux vomica betreffen den Magen-Darm-Trakt. Besonders bewährt hat es sich bei nervösen Magenbeschwerden mit Sodbrennen, Magendruck und Übelkeit nach dem Essen. Nux vomica ist ein besonders geeignetes Mittel für reizbare, gehetzte und überlastete Menschen mit sitzender Lebensweise (Manager, "workaholics", "Stubenhocker"), die häufig zu Genuß- und Reizmitteln wie Kaffee, Nikotin oder Alkohol greifen, diese aber nicht vertragen. Typisch für die genannten Beschwerden ist eine ausgeprägte Verschlimmerung am Morgen sowie die Überempfindlichkeit aller Sinnesorgane. So ist Nux vomica (D6) das homöopathische Mittel schlechthin nach Feiern, Völlerei und "Kater".
http://www.loewen-apotheke.de/S_Gesund/Nxvomica.html

Volksmedizin
Im Mittelalter wurden die Samen als sog. "Krähenaugen" in Europa u.a. gegen die Pest eingesetzt. Außerdem kamen Brechnußzubereitungen als Nervenstärkungsmittel bei Migräne, Nervosität und Depression zur Anwendung.
In Nepal wurde mit Brechnußsamen Lähmungen und Tollwut therapiert.
Als sog. ayurvedisches (aus dem indischen Sankskrit: ayur=langes Leben, verda=wissen) Medikament als Tonikum oder Aphrodisiakum, dazu wurde der Samen mit Milch oder Kuhurin gekocht.
Strychnin war zum Teil orientalischen Fröhlichkeitspillen als aphrodisierenden Mittel enthalten.
Höchste Einzeldosis (EMD) Strychninnitrat beträgt 5 mg, die Tagesmaximaldosis (TMD) 10 mg jeweils bei subcutaner Applikation.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 1998, 3. Auflage; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997)

Strychninvergiftung


(Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen, 5. Auflage, 1986; Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage, 1998)

100 bis 300 mg Strychnin sind für den (gesunden) Erwachsenen tödlich, ausnahmsweise schon 15 bis 30 mg.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und Toxikologie, 5. Auflage, 1987)

Die LD 100 (30) für Strychnin, die Letale-Dosis die für 100% eines Kollektives von Erwachsenen tödlich wäre, beträgt 300 mg, bzw. 10 mg für Kleinkinder.
(Hunnius: Pharmazeutisches Wörterbuch, 8. Auflage, 1998)

Zeitlicher Verlauf einer Strychninvergiftung
Da es von den Schleimhäuten aus schnell resorbiert wird, treten Symptome schon innerhalb einer halben Stunde auf. Der größte Teil wird rasch in der Leber verstoffwechselt, bis zu 15% werden unverändert im Urin ausgeschieden, wo das Gift schon wenige Minuten nach der Einnahme nachweisbar ist. Dank der raschen Ausscheidung ist die Prognose bei adäquater Behandlung günstig. Die Hauptgefahr ist in der Regel nach 3-4 Stunden überwunden.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und Toxikologie, 5. Auflage, 1987; Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)

Therapie einer Strychninvergiftung
Bei Verdacht auf Strychnin Vergiftung (also bei Verdacht jeglicher Einnahme!) ist sofort ein Notarzt zurufen.

Sofort Aktivkohle (Carbo medicinalis), Diazepam (Valium) i.v.; Einführung eines Schlauches oder Rohres durch den Mund oder die Nase in die Luftröhre zur Beatmung (Intubation); Muskelentspannung mit stabilisierenden Muskelrelaxantien; Magenspülung mit 0,1% Kaliumpermanganat Lösung (nur unter Narkose da sonst die zugefügten Reize die Krampfaktivität verstärken würden) und anschließender Kohleeinstillation; parenterale Kalorienzufuhr (Infusion), Elektrolyt- und Azidoseausgleich
(Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen, 5. Auflage, 1986)

Die symptomatische Behandlung von Vergiftungen mit Strychnin zielt auf die Unterdrückung der Krämpfe ab. Mit Hilfe einer Barbituratnarkose kann ein Strychninkrampf unterdrückt werden; nach Beendigung der Narkose ist damit zu rechnen, daß das Krampfgift so weit vom Körper inaktiviert wurde, daß keine weitere Krampfaktivität mehr auftritt.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und Toxikologie, 5. Auflage, 1987)

Sicherung der Atemwege (ggf. Intubation und künstliche Beatmung) und Kontrolle der Krampfaktivitäten sollen im Vordergrund stehen. Letzteres kann durch Fernhalten äußerer Reize z.B. in einem dunklen Zimmer begünstigt werden. Gabe von Diazepam, Antikonvolsiva, Muskelrelaxantien, herbeiführen einer Narkose.
(Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)

Hinweise zu Verhalten bei/nach Vergiftungen, Vorbeugung von Vergiftungsunfällen, Erste-Hilfe Maßnahmen bei Vergiftungen und ein Verzeichnis der Giftinformationszentralen in Deutschland auf der Homepage der Giftzentrale der Uni Bonn:

http://www.meb.uni-bonn.de/giftzentrale

From: "Tibor Harrach"

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