Strychnin
Der Brechnußbaum
Die Droge und ihre Inhaltsstoffe
Strychnin - Wirkungen
psychotrope Wirkungen der Brechnußsamen:
Medizinische Anwendung
Schulmedizin
Homöopathie
Volksmedizin
Strychninvergiftung
100 bis 300 mg Strychnin sind für den (gesunden) Erwachsenen tödlich,
ausnahmsweise schon 15 bis 30 mg.
Die LD 100 (30) für Strychnin, die Letale-Dosis die für 100% eines
Kollektives von Erwachsenen tödlich wäre, beträgt 300 mg, bzw. 10 mg für
Kleinkinder.
Zeitlicher Verlauf einer Strychninvergiftung
Therapie einer Strychninvergiftung
Sofort Aktivkohle (Carbo medicinalis), Diazepam (Valium) i.v.; Einführung
eines Schlauches oder Rohres durch den Mund oder die Nase in die Luftröhre
zur Beatmung (Intubation); Muskelentspannung mit stabilisierenden
Muskelrelaxantien; Magenspülung mit 0,1% Kaliumpermanganat Lösung (nur unter
Narkose da sonst die zugefügten Reize die Krampfaktivität verstärken würden)
und anschließender Kohleeinstillation; parenterale Kalorienzufuhr
(Infusion), Elektrolyt- und Azidoseausgleich
Die symptomatische Behandlung von Vergiftungen mit Strychnin zielt auf die
Unterdrückung der Krämpfe ab. Mit Hilfe einer Barbituratnarkose kann ein
Strychninkrampf unterdrückt werden; nach Beendigung der Narkose ist damit zu
rechnen, daß das Krampfgift so weit vom Körper inaktiviert wurde, daß keine
weitere Krampfaktivität mehr auftritt.
Sicherung der Atemwege (ggf. Intubation und künstliche Beatmung) und
Kontrolle der Krampfaktivitäten sollen im Vordergrund stehen. Letzteres kann
durch Fernhalten äußerer Reize z.B. in einem dunklen Zimmer begünstigt
werden. Gabe von Diazepam, Antikonvolsiva, Muskelrelaxantien, herbeiführen
einer Narkose.
Strychnin ist der wirksame (giftige) Hauptbestandteil im Samen des
Brechnußbaumes. Der Einsatz als anregendes Medikament gilt heute nicht
zuletzt auf Grund der geringen therapeutischen Breite (Spanne zwischen
effektiver/therapeutischer und toxischer/letalen Dosis) als obsolet. In
Verschnitten illegalisierter psychoaktiver Substanzen wie Heroin oder Kokain
taucht es als hochproblematische Verunreinigung auf. Mittlerweile wurde auch
in einigen unter dem Etikett "Ecstasy" kursierenden Tablette Strychnin
nachgewiesen. Jegliche Strychnin-Einnahme gilt nach Auffassung von
Toxikologen und Notfallmedizinern als dringend behandlungsbedürftig. Bei
Verdacht auf eine Strychninvergiftung ist unverzüglich ein Notarzt zu rufen.
Strychnin ist ein Indolalkaloid im Samen (sowie Blättern und Rinde) des
Brechnußbaumes Strychnos nux vomica, einem Loraniagewächs (Loganiaceae).
Andere Pflanzenarten aus der Gattung Strychnos dienen der Gewinnung von
Curare Pfeilgiften. Der Brechnußbaum ist in den trockenen Wäldern von
Indien, Sri Lanka , Südostasien und Nordaustralien heimisch, er wird zudem
im tropischen Afrika kultiviert. Es handelt sich um einen strauchartigen
ausladenden Baum, der bis zu 10 m hoch werden kann. Seine Blätter sind oval,
glatt und glänzend. Der Baum wächst auf sandigen Böden, und benötigt ein
tropisches aber trocken heißes Klima.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage,
1998)
Als Droge im eigentlich pharmazeutischen Sinne versteht der Apotheker
(arzneilich verwendete) getrocknete Pflanzenteile wie z.B.
Pfefferminzblätter, Löwenzahnwurzel oder Hanfblüten. Die Droge die im
wesentlichen aus dem Brechnußbaum gewonnen wird, ist der getrocknete Samen,
der auch als "Brechnuß" bezeichnet wird. Die Bezeichnung Brechnuß für die
Droge ist irreführend, da sie weder brechenerregend wirkt, noch handelt es
sich bei dem Samen um eine Nußfrucht. Der Alkaloidgehalt des getrockneten
Samens liegt bei 2-3 %. Das Hauptalkaloid ist neben Strychnin (1-1,5%)
Brucin (1,1-2,1%). Nebenalkaloide sind Colubrin, Pseudostrychnin, Vomicin
und Strychnicin. Wirksam (giftig) sind vor allem Strychnin, Brucin besitzt
1/50 der Wirksamkeit von Strychnin am Glycinrezeptor.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage,
1998)
Wirkungsmechanismus am Wirkort Rückenmark
Strychnin ist ein "Krampfgift" (Konvulsivum), der Wirkort ist das
Rückenmark. Strychnin verdrängt den Neurotransmitter Glycin von seinem
Rezeptor ohne dessen Wirkung auszulösen, es ist ein Glycin-Antagonist.
Glycin ist der Neurotransmitter der sogenannte postsynaptischen Hemmung
bestimmter Nervenbahnen im Rückenmark. Die Lähmung der hemmenden
Glycin-Synapsen bewirkt eine verstärkte Reizleitung der die Muskulatur
steuernden Nervenbahnen. Dadurch können Beuge- und Streckmuskel an einem
Gelenk gleichzeitig maximal zur Kontraktion gebracht werden. Die dadurch
verursachten Krämpfe laufen bei vollem Bewußtsein ab. Sie sind wegen der
Zerrungen von Sehnen und Gelenkkapseln äußerst schmerzhaft. Es besteht die
Gefahr eines Muskel- oder Sehnenrisses. Krampfphasen von ca. 1 min Dauer
wechseln mit mehrminütigen Pausen ab. Die Krämpfe werden durch akustische,
optische und taktile Reize (von Außen) ausgelöst und verstärkt.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und
Toxikologie, 5. Auflage, 1987; Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage,
1998; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997)
Strychnin wurde therapeutisch als Atmungs- und Kreislaufanaleptikum
(anregendes Mittel) bei bestimmten Formen von Kreislaufversagen
(zentral-bedingtem Vasomotorenkollaps) und als Tonikum (Kräftigungsmittel)
bzw. Roborans (Stärkungsmittel) verwendet. Der Markenname eines
Fertigarzneimittels das Strychnin-Hydrochlorid enthielt war "Movellan".
Strychninhaltige Arzneimittel gelten heute als obsolet. Strychnin-Drogen
wurden von der Kommission E (Phytotherapeutische Therapierichtungen) des
Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte negativ bewertet.
Strychnin steht unter den Stimmulanzien auf der Liste der verbotene
Dopingsubstanzen, vorallem Gewichtheber dop(t)en sich mit Strychnin.
(Hildebert Wagner: Pharmazeutische Biologie 2, Drogen und ihre
Inhaltsstoffe, 3. Auflage, 1985; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 255.
Auflage, 1986; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997;
Hunnius: Pharmazeutisches Wörterbuch, 8. Auflage, 1998)
Brechnußsamen wird in gängigen homöopathischen Arzneimitteln in sehr großen
Verdünnungen eingesetzt. Verdünnungen bis zur dritten Dezimalpotenz (D3)
einer definierten Urtinktur (wie auch die Samen) sind
"verschreibungspflichtig", höhere Potenzen sind "apothekenpflichtig".
Auszug aus einer Apotheken-Kundenzeitung :
Die homöopathischen Hauptwirkungen von Nux vomica betreffen den
Magen-Darm-Trakt. Besonders bewährt hat es sich bei nervösen
Magenbeschwerden mit Sodbrennen, Magendruck und Übelkeit nach dem Essen. Nux
vomica ist ein besonders geeignetes Mittel für reizbare, gehetzte und
überlastete Menschen mit sitzender Lebensweise (Manager, "workaholics",
"Stubenhocker"), die häufig zu Genuß- und Reizmitteln wie Kaffee, Nikotin
oder Alkohol greifen, diese aber nicht vertragen. Typisch für die genannten
Beschwerden ist eine ausgeprägte Verschlimmerung am Morgen sowie die
Überempfindlichkeit aller Sinnesorgane. So ist Nux vomica (D6) das
homöopathische Mittel schlechthin nach Feiern, Völlerei und "Kater".
http://www.loewen-apotheke.de/S_Gesund/Nxvomica.html
Im Mittelalter wurden die Samen als sog. "Krähenaugen" in Europa u.a. gegen
die Pest eingesetzt. Außerdem kamen Brechnußzubereitungen als
Nervenstärkungsmittel bei Migräne, Nervosität und Depression zur Anwendung.
In Nepal wurde mit Brechnußsamen Lähmungen und Tollwut therapiert.
Als sog. ayurvedisches (aus dem indischen Sankskrit: ayur=langes Leben,
verda=wissen) Medikament als Tonikum oder Aphrodisiakum, dazu wurde der
Samen mit Milch oder Kuhurin gekocht.
Strychnin war zum Teil orientalischen Fröhlichkeitspillen als
aphrodisierenden Mittel enthalten.
Höchste Einzeldosis (EMD) Strychninnitrat beträgt 5 mg, die
Tagesmaximaldosis (TMD) 10 mg jeweils bei subcutaner Applikation.
(Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 1998, 3.
Auflage; Eberhard Teuscher: Biogene Arzneimittel, 5. Auflage, 1997)
Symptome
(Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen, 5. Auflage, 1986; Christian Rätsch:
Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 3. Auflage, 1998)
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und
Toxikologie, 5. Auflage, 1987)
(Hunnius: Pharmazeutisches Wörterbuch, 8. Auflage, 1998)
Da es von den Schleimhäuten aus schnell resorbiert wird, treten Symptome
schon innerhalb einer halben Stunde auf. Der größte Teil wird rasch in der
Leber verstoffwechselt, bis zu 15% werden unverändert im Urin ausgeschieden,
wo das Gift schon wenige Minuten nach der Einnahme nachweisbar ist. Dank der
raschen Ausscheidung ist die Prognose bei adäquater Behandlung günstig. Die
Hauptgefahr ist in der Regel nach 3-4 Stunden überwunden.
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und
Toxikologie, 5. Auflage, 1987; Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)
Bei Verdacht auf Strychnin Vergiftung (also bei Verdacht jeglicher
Einnahme!) ist sofort ein Notarzt zurufen.
(Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen, 5. Auflage, 1986)
(Wolfgang Forth, Dietrich Henschler, Walter Rummel: Pharmakologie und
Toxikologie, 5. Auflage, 1987)
(Reinhard Ludewig: Akute Vergiftungen, 1999)
http://www.meb.uni-bonn.de/giftzentrale
From: "Tibor Harrach"