Rainald Goetz erzählt mit seiner "Rave" - Prosa aus dem Zentrum nicht nur der Münchner DJ Culture
Von Lutz Hagestedt
Der "Rave" ist eine seltsame Lebensform: brutal, hart, laut, schnell. Es ist eine "Big-Fun"- und "Hard Times" - Kultur der Clubs und Jugendzentren, der, "Maydays" und "LoveParades", der "DJs" und der Partyrogen, ein Vitalismus der Technoszene, aber auch ein Purgatorium der Abhängigen, Moribunden und Verzweifelten. Seit fünfzehn Jahren etwa hat sich diese Szene auch in Deutschland voll entfaltet, sie hat ihre eigenen Ikonen hervorgebracht, allen voran Sven Väth, den auch international herumgereichten Techno - Papst, der auf die Frage, wie lange man das durchstehen und so leben könne, antwortet: "Fragen Sie Mick Jagger".
Alle Medien haben sieh mit dem Rave beschäftigt, es gibt spezielle Zeitschriften, in denen die DJs (die mit den Diskjockeys nicht mehr viel gemein haben) ihre Programme veröffentlichen und sogar eigene Labels für TechnoScheiben: DJ Westbam (33, Autor von Mix, Cuts & Scratches, 1997) soll allein 60 eigene Platten produziert haben. Von Ulf Poschartdt gibt es ein Buch über die Szene (DJ CuIture, 1995) - nur, was es bisher nicht gab, war Literatur aus dem Auge des Taifuns.
Rainald Goetz ist mit 44 Jahren eigentlich ein bißchen zu alt für die Rave - Kultur. Aber wenn seine Erzählung einen Eindruck hinterläßt, dann diesen: wieder einmal genau richtig. Da hat ein Autor erneut seinen archimedischen Punkt gefunden: Seine Poesie ist "superkonkret", präzise in der Darstellung, aus der Anschauung heraus entstanden, und doch hat er die nötige Distanz, jenes intelligible Vermögen, über die reine Wahrnehmung und Darstellung hinauszuweisen.
"Wie müßte so ein Text klingen, der von unseren Leben handelt?", fragt der Ich-Erzähler, ziemlich zu Beginn von Rave. "Rave" (zu deutsch "rasen", "toben", "phantasieren") bezeichnet den Gestus der Prosa und umschreibt die Dynamik der Lebensform, die hier dargestellt wird. Goetz geht etwa wie folgt vor: Sein Erzähler ("Rainald") bewegt sich durch die Disco Freizeit - und Partyräume. Wer in den Sinn, in den Blick kommt, wer "erkannt" wird und bezeichnet werden kann, es sind zirka zweihundert, dreihundert Personen, wird "notiert". Von diesen Hunderten von Leuten sind nur einige Dutzend spärlich attributiert, mit ein paar Merkmalen, ein paar Redewendungen, ein paar Handlungsweisen ausgestattet.
Ist das ein bißchen wenig? Mag sein, aber was Goetz hier vorführt, ist ja nichts anderes als die Art und Weise, wie wir uns im tagtäglichen Dauerbeschuß der Reize und Signale verhalten. Da wir nicht alles aufnehmen und bewußt wahrnehmen, was uns anbrandet, da wir nicht alle Information bedenken, überdenken, kritisieren, verarbeiten können, ist es unsere Strategie, es einfach nur zur Kenntnis zu nehmen und abzuhaken: Wir blättern uns durch Zeitungen, zappen uns durch Fernsehprogramme, denken "Aha, so ist das; weiter, weg damit", merken uns allenfalls Stichwörter, Eselsbrücken, Verknüpfungsregeln. Eine Fülle von Inputs, ein Sperrfeuer der Informationsgschütze ist nötig, damit unser Abwehrpanzer durchbrochen werden kann. Wenige Namen und Themen bloß werden Gegenstand des Redens und Nachdenkens, ein verschwindend geringer Teil erreicht den Status des Interesses oder gar Kultstatus. Selbst der Kreis der Freunde und Bekannten muß aus Mangel an Kapazität überwiegend im Windschatten der Reflexion verbleiben.
Die Erzählung Rave wirkt daher über weite Strecken wie die unmittelbare Vertextung von Sachen und Personen; sie verzichtet bewußt auf eine am Reißbrett entworfene, von A nach Z entwickelte "Geschichte", "mit der Textform Exposé als Vorbild": "Das kam mir dann immer voll lächerlich vor, absurd, grotesk. Dann eben nicht. Daß es darum bei mir eben nicht geht, egal was ich mir vornehme. Daß der Ort der Sprache sich irgendwie einstellen muß, durch irgendwas, sich finden muß, von dem aus der Text spricht, an dem ihm alles zusteht, ganz automatisch dann auch . Und daß dieser Ort sich bei mir durch die dauernden an allem Gelesenen und Gefernsehten anschließenden theorieartigen Überlegungen eben erschießen würde."
Goetz praktiziert ein sprunghaftes, tableau- oder patchworkartiges Erzählen - gleichwohl ist es formal-inhaltlich strenger, disziplinierter, als es obenhin den Eindruck hat. Wie schon in seinen früheren Büchern ist auch in rave ein Montageprinzip zu beobachten, ein Mixtum Compositum aus diversen Diskursen der Mediengesellschaft, ein Tagebuch-Simulakrum dem es darum geht, die Wirklichkeit "nicht sofort ins Metaphorische" zu kippen, "sondern reale Beschreibungen dessen zu machen, was da wirklich zu sehen ist". Die Erzählsituation ist additiv in den Segmenten, ergibt keine kohärente Narration, sondern wechselt sprunghaft die Schauplätze, Themen und Prosaformen. Gleichwohl gelingt es ihr, sich zu einer Einheit bewußter Erfahrung zu organisieren.
Denn Rave strebt eine Balance an zwischen der Darstellung des schieren Glücks und der immensen Gefahren dieser Lebenswelt. Das Buch intendiert nicht mehr und weniger als eine Gesamtdarstellung der Glücksmomente, die mit "Beklemmung", Verfall und Selbstverlust einhergehen: "Ich war kurz kotzen, jetzt geht´s mir wieder super." Rave ist somit die Lebensformel einer zugleich vitalen und morbiden Erlebnisgesellschaft, deren Losung mit Neil Postman lauten könnte: "Wir amüsieren uns zu Tode". Der Autor verkennt nicht , daß so zu leben rücksichtslos ist, Sprengstoff birgt, Werte und Normen über Bord kippt - ein "asozialer Sozialzustand" eben, "keiner hilft keinem". Es ist das praktizierte Leben der Raver, Regeln zu brechen und sich selbst und andere zu gefährden.
Zum ersten Mal in einem Buch von Rainald Goetz sind Frauen in nennenswerter Form Redegegenstand, wird Sexualität mit Frauen gedacht und praktiziert: "Die "Frau. Unglaublich. Das war mir gar nicht so klar gewesen bisher. Das Frauen - Ding. Was das überhaupt für ein tolles Ding ist. Mir war das neu. Ich kannte das nicht." Aber kaum ist die Frau entdeckt, kaum hat der Erzähler "gemeine Sachen über Frauen" erfahren und begriffen, da wird auch schon gewissenlos ein großes "Infantilsex" - Programm und "Verherrlichungs - Monument" geplant. Bedenklich, wie hier bewußt gegen die letzten Bestionen der Moral angeschrieben wird, freilich aus einem uneigentlich-provokanten Gestus heraus. Denn was Goetz ablehnt, ist der "brutale Dauerbeschuß der Moral" in den Medien. Auch darin bleibt sich der Autor treu: Seit Irre (1983) werden alle Normierungsleistungen und Identitätsangebote der Gesellschaft aggressiv verworfen. Aber wenn hier ein implizites und explizites Einverständnis mit dieser "kaputten" Lebeshaltung zu registrieren ist, gerade dort, wo sie den Normverstoß, die Tabuverletzungm das verbotenen impliziert, dann geht da über den Rave und auch über das Werk von Rainald Goetz hinaus. Dann ist es bereits die allgemeine Tendenz der Gesellschaft, mehr für sich herauszuholen, als legitim wäre.
Die spezifische Prosamischform, die er hier kreiert hat, transportiert etwas von der Abgeschmacktheit, der Faszination und der Sinnlichkeit dieser Erfahrungswelt, Und dann wieder spürt man seinen heuristisch-operationalen, beinahe soziologisch-analytischen Zugriff. Dafür ist hier endlich eine Form und eine Sprache gefunden. Wie kein zweiter ist Goetz in der Lage, verschiedene Register anzuwählen, die gewährleisten, daß er einerseits aus dieser eigenen Welt erzählen kann, ohne intellektualistisch über ihr zu stehen, und daß er sie andererseits quasi "theoretisch" deuten kann, Rainald Goetz erfüllt die idealen Voraussetzungen, jene mittlere Distanz einzunehmen die sowohl Anteil am "Prolligen" der Szene hat, als auch den norwendigen Abstand hält - und macht dies häufig durch Komik erfahrbar.
Aber egal, welches Register Goetz zieht, immer ist er bei sich selbst, keine Redeform oder Erzählweise wirkt aufgesetzt, oft gehen die verschiedenen Diskurstypen nahtlos ineinander über, immer sind sie direkt funktional: Rave ist "das erste kleine Ding einer großen Sache, die in möglichst dichter Folge weiter fortgeführt werden sollte". Und bereits fortgesetzt wird: Auf einem Vorsatzblatt gibt der Autor Auskunft über seine laufenden Projekte, von denen Rave nur ein Baustein ist. Ein Stück über "Jeff Koons"; eine Erzählung mit dem Titel "Dekonspiratione"; ein Internet-Tagebuch mit dem Titel "Abfall für alle", das seit Anfang Februar unter der Adresse "rainaldgoetz,de" abgerufen werde kann und bereits auf einige hundert seiten angewachsen ist; sowie die Poetikvorlesungen "Praxis" im Sommersemester 1998 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, die begonnen haben.
Rave also ist ein Baustein einer Gesamtschau unserer Spaß- und Popkultur: das Bild der Alkohol-, Sex- und Drogenexzesse der Techno-Szene. Es thematisiert die "Borderlines" dieses latent kriminellen Milieus; es zeigt, wie man hier, für ein exzessives Leben, den Verlust der Person in Kauf nimmt. Goetz lehnt es ab, diesem Milieu eine Utopie anzudichten: "Lüge steht immer ganz groß in Grau auf jeder Seite, wo das versucht wird. Denn es entsteht ein Gestus biederster Verniedlichung (...) , ein gleichzeitig romantisch verkitschter Überhöhungston, (...) der das Revolutionäre scheußlich verlogen verklärt zu so einem Pseudoding von Verzicht und Strenge, Aufgabe und Pflicht."
Goetz vermittelt andererseits ein absolutes "Körpergefühl" und Glück: Inmitten von Musik und Drogen, von Lichtern und Tänzern zu stehen, vom großen "Bum-bum-bum des Beats" bewegt zu werden und dadurch "selber die Musik" zu sein, "Wellen von Sympathie" zu spüren, "das Schöne" zu sehen. Halleluja! Das Absolute, das Ideale findet sich demnach auch hier, in den Clubs, in den Partyräumen, auf der Tanzfläche, vor den hämmernden Boxes, an den Bars oder am Pult des Djs. Die Erfahrung des Rave, der Musik und der Drogen ist etwas zugleich Körperliches und etwas Geistiges, und diese Erfahrung wird durch das gemeinsame Erleben und durch das sich zunickende Bekenntnis noch ins Glückhafte gesteigert. Hier läßt sich Erfüllung und Freude, Absturz und Zerstörung im kollektiv erfahren, Worte sind nicht nötig (oft auch nicht möglich), Sprach- und Wahrnehmungsfetzen bilden den kommunikativen Regelfall: "Wieso?/Keine Ahnung./ Geil" oder: Oh ja. Wow - ... hmm ... - du - / dingens - / ja - / ich auch".
In dieser Rave-Gesellschaft, die Goetz beobachtet und erlebt, beschreibt und kommentiert, gibt es also beides - Euphorie und Agonie, "Zerstörte und Kaputte", Abgestumpfte und "Erleuchtete". Der "Fun" und das "Excitement", das "Feiern" und das "Poppen" werden von einer Begleitspur des Todes und der "Auslöschung", ja, nicht eigentlich relativiert vielmehr potenziert, denn wer allein dem Lustprinzip folgt, muß sich immer neue Grenzen setzen und sie überwinden, muß immer neue Stimulanzen ausprobieren, bis er sich endlich dn der Todeslinie bewegt. Diese Spannweite zwischen "Celebration" und "Damnation" gibt dieser Prosa ihre atemlose Dynamik und Spannung. Rave ist ganz konsequent keine Verteidigungsschrift der unheilvollen Melange von Sex, Pop und Drogen - es ist schlicht die Beschreibung dessen, was mittlerweile "normal" ist in dieser Welt.
Rainald Goetz: Rave. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 1998, 272 Seiten, 32 DM.
aus Seite ZB 4 . Frankfurter Rundschau -Literatur-, Sa. 2. Mai 1998, Nr. 101